Investieren in turbulenten Zeiten

9. November 2022  |  Igor Hirsch
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Die Börsenlage wirft weiter Fragen rund um die mittel- und langfristige Geldanlage auf, wie etwa: Was bedeutet die restriktive Geldpolitik der Notenbanken für Aktien- und Anleihe-ETFs in unseren Wealth-Portfolios? Auf diese und andere Fragen antwortet Uwe Paßmann, Head of Sales bei Scalable Capital.

Uwe Paßmann
Uwe Paßmann hat langjährige Erfahrung im Finanzbereich und in der Betreuung vermögender Privatkunden. Bevor er zu Scalable Capital kam, hat er als Senior Berater Privatkunden und Unternehmern bei der Strukturierung ihrer Gesamtvermögen beraten. Nach seinem Studium in England an der University of Hull war er zunächst für einen internationalen Privatinvestor tätig. Anschließend trat er unter anderem in die Dienste des Schweizer Vermögensverwalters VZ Gruppe.

Die Notenbanken der Eurozone und der USA drehen kräftig an der Zinsschraube. Damit werden neu emittierte Anleihen attraktiver. Berücksichtigt der Algorithmus von Scalable Capital das?

Uwe Paßmann: Um die Frage zu beantworten, werfen wir zunächst einen Blick darauf, wie ein Anleihe-ETF funktioniert: Anders als bei einem Investment in eine einzelne Anleihe erwerben Sie mit dem Kauf eines Anleihe-ETFs einen Korb an verschiedenen Schuldverschreibungen mit unterschiedlichen Restlaufzeiten. Der Korb bietet Diversifikation und minimiert somit das Ausfallrisiko einzelner Anleihen. Ändert sich das allgemeine Zinsniveau, werden schrittweise neu herausgegebene Anleihen in diesen Korb integriert. In der aktuellen Marktphase werden also automatisch neue Anleihen mit attraktiveren Konditionen berücksichtigt.

Das gilt im Grunde für alle Anleihe-ETFs, die wir in den unterschiedlichen Strategien einsetzen, ob Value-at-Risk- (VaR), ESG- oder Klimaschutz-Portfolio. Somit stellen Anleihe-ETFs als Bestandteil eines verwalteten ETF-Portfolios besonders für langfristig orientierte Anleger eine bequemere Alternative zu einzelnen Anleihen dar.

Seit Oktober wird ein Ultrashort-Bonds-ETF in Wealth-Portfolios von Scalable Capital integriert. Was bringt der neue ETF und in welchen Portfolios wird er genutzt?

Uwe Paßmann: Mit dem ETF erweitern wir unser Value-at-Risk-Anlageuniversum um kurzlaufende Anleihen. Diese Neuerung ist eine wichtige Ergänzung für unsere VaR-Portfolios mit geringer Risikoneigung (VaR 3 % bis VaR 9 %), da sie drei Vorteile mit sich bringt: Dank der kurzen Laufzeit der enthaltenen Anleihen von unter einem Jahr sind diese ETFs weniger sensitiv gegenüber Zinsschwankungen.

Darüber hinaus bieten kurzlaufende Anleihen gegenüber dem klassischen Tagesgeld eine höhere Effektivverzinsung von aktuell circa 2,6 Prozent. Außerdem ermöglicht der neue ETF unserem Algorithmus, in Phasen mit stärkerem Gleichlauf, also höheren Korrelationen, zwischen verschiedenen Anlageklassen, die durchschnittliche Laufzeit im Anleihe-Baustein der VaR-Portfolios zu verringern, um Schwankungen zu reduzieren.

Typischerweise dient die Mischung aus Aktien und Anleihen dazu, Schwankungen in Portfolios zu mindern.

Die Kurse sowohl vieler Aktien als auch Anleihen sind im Verlauf des Jahres gefallen. Was bringt da überhaupt ein Umschichten im Portfolio zwischen beiden Assetklassen?

Uwe Paßmann: Typischerweise dient die Mischung aus Aktien und Anleihen dazu, Schwankungen in Portfolios zu mindern. Bewegt sich eine der Anlageklassen nach unten, legt die andere tendenziell zu – so zumindest die Theorie. In starken wirtschaftlichen Phasen tendieren Anleger dazu risikobereiter zu agieren, während sie im Abschwung durch defensive Produkte wie Anleihen ihr Risiko reduzieren möchten. Dies war zuletzt in der Praxis nicht gänzlich der Fall, denn das vorhandene Renditepotenzial der Anleihen konnte wegen der sich zuspitzenden geopolitischen Lage und weiter steigenden Zinsen nicht ausgeschöpft werden. Breite Anleiheindizes, die von den ETFs in unseren Portfolios abgebildet werden, rentieren daher im abgelaufenen Quartal schwächer.

Aufgrund der gestiegenen Zinsen haben Anleihen an Attraktivität gewonnen und können sich in der aktuell unsicheren Lage als effektiver Portfoliobestandteil erweisen, um Schwankungen bei Aktien auch in Zukunft abzufedern.

Ist es bei fallenden Aktienmärkten und einer schwächelnden Konjunktur noch sinnvoll, in breit gestreute ETFs zu investieren statt einzelne Aktien auszuwählen? Gibt es aktuell nicht wesentlich mehr Unternehmen, denen es schlecht geht, gegenüber wenigen, denen es besser geht?

Uwe Paßmann: Ich denke, dass sich ein Investment in ETFs besonders in turbulenten Konjunkturphasen auszahlt, da das Gesamtrisiko geringer ist als bei Einzelaktien. Das Gesamtrisiko eines Wertpapiers setzt sich aus systematischen und unternehmensspezifischen Risiken zusammen. Systematische Risiken sind beispielsweise Kriege, wie aktuell in der Ukraine. Unternehmensspezifische Risiken umfassen hingegen Managementfehler. Durch ein Investment in breit diversifizierte Indizes können Sie Letztere stark reduzieren, während systematische Risiken bestehen bleiben. Wer sein Kapital ausschließlich in Einzeltitel investiert, verzichtet in der Regel auf den breiten Diversifikationseffekt von ETFs und verschärft somit das ohnehin bereits gestiegene Gesamtrisiko seines Portfolios.

Risikohinweis – Die Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden und kann zum Verlust des eingesetzten Vermögens führen. Weder vergangene Wertentwicklungen noch Prognosen haben eine verlässliche Aussagekraft über zukünftige Wertentwicklungen. Wir erbringen keine Anlage-, Rechts- und/oder Steuerberatung. Sollte diese Website Informationen über den Kapitalmarkt, Finanzinstrumente und/oder sonstige für die Kapitalanlage relevante Themen enthalten, so dienen diese Informationen ausschließlich der allgemeinen Erläuterung der von Unternehmen unserer Unternehmensgruppe erbrachten Wertpapierdienstleistungen. Bitte lesen Sie auch unsere Risikohinweise und Nutzungsbedingungen.

 

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Igor Hirsch
Financial Editor
Igor ist Redakteur mit den Themenschwerpunkten Geldanlage und Börse. Er arbeitete zuvor als Redakteur bei Finanzen100 und dem Branchendienst für Vermögensverwalter Citywire. Davor war er als selbständiger Finanzberater (§ 34d und § 34f) tätig. Er ist Diplom-Kulturwissenschaftler mit dem Hauptfach Wirtschafts- und Sozialgeschichte und studierte an der Universität des Saarlandes.