
Ist der deutsche Kapitalmarkt vom Aussterben bedroht oder steht er vor einer Renaissance? Während die Zahl der Aktionärinnen und Aktionäre hierzulande einen erfreulichen Aufwärtstrend zeigt, schwindet gleichzeitig die Anzahl börsennotierter Unternehmen. In einem Umfeld, das von niedrigen Bewertungen und einer zunehmenden Zahl von Delistings geprägt ist, wird der Schutz des privaten Kapitals wichtiger denn je. Im Frühjahr 2025 war ein Mann im Asset Class Podcast bei Christian W. Röhl zu Gast, der genau dort hinschaut, wo es für Vorstände ungemütlich wird: Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Als „Anwalt der Anlegenden“ analysiert er im Gespräch die Warnsignale am Markt und skizziert, was sich politisch und unternehmerisch ändern muss.
Lange Zeit galt die Hauptversammlung (HV) vielen lediglich als folkloristische Veranstaltung , bei der es mehr um die kostenlose Verpflegung als um die Unternehmensstrategie ging. Doch diese Zeiten sind vorbei. Marc Tüngler macht deutlich, dass die HV das zentrale Forum ist, um die Weichen für die Zukunft eines Unternehmens zu stellen. Es gehe um Kapitalerhöhungen, die Besetzung des Aufsichtsrates und damit indirekt um die Strategie des Vorstandes.
Ein besonderer Streitpunkt bleibt dabei das Format. Während viele Unternehmen auch nach der Pandemie an rein virtuellen Versammlungen festhalten wollen, plädiert der DSW-Chef vehement für Präsenzveranstaltungen oder zumindest hybride Lösungen. Die Qualität des Austauschs sei dabei höher. Das Verstecken der Vorstände, kenne man nur hier in Deutschland, so Tüngler mit Blick auf das europäische Ausland. In Frankreich oder Spanien seien physische Treffen längst wieder Standard. Für Anlegende sei die HV oft der einzige Ort, um ein echtes Gefühl für das Management zu bekommen. Werden kritische Fragen souverän beantwortet oder weicht der Vorstand aus? Dieser direkte Eindruck ist für Tüngler durch nichts zu ersetzen und dient oft als erster Indikator für die Integrität der Unternehmensführung.
Ein weiteres Alarmzeichen für den deutschen Aktienmarkt sind die chronisch niedrigen Bewertungen vieler Unternehmen. Was auf den ersten Blick wie eine Einstiegschance für Value-Investoren wirkt, entpuppt sich zunehmend als Einladung für Großaktionäre und Private-Equity-Häuser, Firmen günstig zu übernehmen und von der Börse zu nehmen (Delisting). Das Problem dabei: Das gesetzlich vorgeschriebene Abfindungsangebot orientiert sich am durchschnittlichen Börsenkurs der letzten Monate – und dieser spiegelt bei unterbewerteten Firmen oft nicht den wahren inneren Wert wider.
Marc Tüngler warnt vor einem Szenario, in dem Anlegende in Deutschland abgespeist werden, während der neue Eigentümer das volle Zukunftspotenzial des Unternehmens hebt. „Ich möchte gerne ein Auto kaufen und ich bestimme den Preis – so läuft es doch nicht“, veranschaulicht Tüngler die seiner Meinung nach absurde aktuelle Regelung. Seine Forderung an die Politik: Es brauche ein Spruchverfahren bereits beim Delisting, damit gerichtlich geprüft werden könne, was das Eigentum der Aktionärinnen und Aktionäre tatsächlich wert ist. Nur so lasse sich verhindern, dass der deutsche Mittelstand im Ausverkauf landet.
Damit der Kapitalmarkt nicht austrocknet, bedürfe es jedoch mehr als nur Schutzmechanismen; es brauche eine neue Kultur der Wertschätzung für privates Eigentum. Tüngler sieht hier die Politik in der Pflicht, steuerliche Anreize zu schaffen – etwa durch höhere Freibeträge oder eine Wiedereinführung der Spekulationsfrist –, um die rund 11 Bio. € an europäischen Spareinlagen zu mobilisieren. „Wenn Vertrauen da ist, ist man auch bereit, mehr Geld zu geben“, so der Aktionärsschützer.
Gleichzeitig nimmt er die deutschen Unternehmenslenker in die Pflicht. Um nicht zum Übernahmekandidaten zu werden, müssten Vorstände „etwas radikaler werden, auch in der Unternehmensführung“ und den Wert ihrer Firmen selbstbewusster heben, anstatt nur den Status quo zu verwalten. Das bloße Jammern über den Standort helfe nicht weiter; gefragt seien Mut zur Veränderung und eine transparente Kommunikation.
Das Gespräch verdeutlicht: Aktives Investieren bedeutet mehr, als nur Aktien zu kaufen und liegen zu lassen („Buy and Hold“). Es erfordert ein regelmäßiges Überprüfen der Investment-Story („Check“). Ein ganz konkretes Warnsignal gibt Marc Tüngler den Zuhörenden zum Abschluss mit auf den Weg: Vorsicht sei geboten, wenn Unternehmen plötzlich ihre Kennzahlen (KPIs) ändern oder „bereinigte“ Ergebnisse in den Vordergrund stellen, um Verluste zu kaschieren. „Bereinigung ist immer schlecht“, warnt Tüngler, denn oft soll damit nur eine operative Schwäche übertüncht werden.
Wer sein Vermögen schützen will, ist daher eingeladen, nicht nur auf den Kurszettel schauen, sondern seine Rechte als Miteigentümer aktiv wahrnehmen – sei es auf der Hauptversammlung oder durch die Unterstützung von Schutzvereinigungen.
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