Robos mischen die Finanzbranche auf

30. September 2016  |  Prof. Dr. Stefan Mittnik
Robos mischen die Finanzbranche auf
Auch in Deutschland jagen Online-Vermögensverwalter den etablierten Geldhäusern Kunden ab.
Für Anleger ist das eine echte Chance.

Was macht eigentlich Anshu Jain? Richtig, der Ex-Co-Chef der Deutschen Bank heuerte im Februar bei SoFi an, einem Start-up aus San Francisco. SoFi ist eine von weltweit rund 1.400 Fintech-Firmen, die den Banken Kunden abjagen. An allen Fronten greifen die Fintechs die großen Geldhäuser an: im Vermögensmanagement, bei der Kreditvergabe und im Zahlungsverkehr.

Besonders spannend ist dabei das Feld der Online-Vermögensverwaltung. Robo-Advisor werden sie genannt, weil sie das Kapital der Kunden automatisch und mithilfe moderner Technologie managen. Dabei ist Hightech nicht ihr einziger Vorteil. Sie senken auch die Einstiegshürde in die professionelle Geldanlage. Wer einen herkömmlichen Vermögensmanager beauftragt, muss in der Regel 500.000 oder mehr Euro mitbringen – kein Pappenstiel. Robos wie Wealthfront und Betterment in den USA oder Scalable Capital in Deutschland zurren die Mindestanlagesumme dagegen weit niedriger fest. 10.000 Euro sind es bei Scalable. Obendrein zwacken die digitalen Aufsteiger ihren Kunden wesentlich weniger Gebühren ab als etablierte Finanzprofis – in der Regel unter 1,0 Prozent pro Jahr, ohne teure Ausgabeaufschläge oder andere versteckte Gebühren draufzuschlagen.

Starkes Wachstum erwartet

Diese Vorzüge kommen bei den Anlegern gut an. Global werden bereits mehr als 100 Milliarden Dollar online verwaltet. Bis 2020 sollen es mehr als acht Billionen Dollar sein, schätzen die Analysten von BI Intelligence. Der US-Robo-Vorreiter Betterment zählt 175.000 Kunden und hat fünf Milliarden Dollar eingesammelt. Eine Größe, die in den nächsten Jahren auch für hiesige Anbieter erreichbar scheint. Bafin-Präsident Felix Hufeld hat jedenfalls festgestellt: „Fintechs mischen den Markt gehörig auf.”

Die Vorzüge von digitalen Vermögensverwaltern kommen bei Anlegern gut an. Global werden bereits mehr als 100 Milliarden Dollar online verwaltet.

Alles in Butter also? Nicht ganz. Gerade in Deutschland regte sich zuletzt Kritik an den Robo-Advisors. Einerseits behauptet etwa Andreas Beck vom Institut für Vermögensaufbau (IVA) in €uro am Sonntag (Ausgabe 22/2016), dass die Robos nur ein Portfolio aus Indexfonds (Was sind ETFs?) zusammenstellen, das sie gelegentlich anpassen. Das könne der Anleger aber auch selbst tun. Kurzum: Die Robos seien überflüssig. Andererseits prophezeien Kritiker wie Rolf Tilmes vom Financial Planning Standards Board, dass die Robos scheitern werden, weil sie keine individuelle Beratung bieten (FAZ vom 24. Juli 2015). Vermögensplanung und Finanzmärkte seien so komplex, dass Anleger einen persönlichen Betreuer bräuchten. Einen Menschen aus Fleisch und Blut, wie Wolfgang Spang, Chef der Economia Vermögensberatung in €uro am Sonntag schreibt (Ausgabe 34/2016).

Privatanleger sind oft überfordert

Was denn nun, fragt man sich da. Entweder ist Geldmanagement so einfach, dass es jeder selbst in die Hand nehmen kann. Oder es ist so kompliziert und nervenzehrend, dass es einen Profi braucht. Beide Argumente führen in die Irre. Beck geht davon aus, dass die Anleger bestens aufgeklärt sind, dass sie die Nerven und jede Menge Zeit haben, ihr Geld selbst zu verwalten. Die Wahrheit sieht anders aus, das ist bekannt. Die meisten Privatanleger sind mit der Geldanlage überfordert. In einer Studie der Direktbank ING-DiBa aus dem Jahr 2013 gaben 53 Prozent der Deutschen an, über keinerlei Finanzbildung zu verfügen. Wie sollen sie unter rund 1.500 erhältlichen Indexfonds die richtigen auswählen und ein passendes Portfolio zusammenstellen? Diese Hürden können sie mit einem Robo-Advisor locker meistern.

Mindestens genauso wichtig ist jedoch: Ein intelligenter Robo hält sie auf Kurs – auch wenn an der Börse Panik ausbricht oder gefährliche Sorglosigkeit herrscht. Es fällt unglaublich schwer, in der Geldanlage seine Gefühle auszuschalten. Zig Studien belegen, dass emotionales Handeln den Anlegern immer wieder einen dicken Strich durch die Börsenrechnung macht. Davor schützt ein Robo. Übermut, Angst, Stress mit dem Ehepartner – all das ist ihm fremd.

Studien belegen, dass emotionales Handeln den Anlegern immer wieder einen Strich durch die Börsenrechnung macht. Davor schützt ein Robo.

Was aber, wenn ein Anleger seine Gefühle im Griff hätte und tatsächlich gut informiert wäre? Selbst dann können ihm digitale Geldmanager noch einen wertvollen Dienst erweisen. Zumindest wenn er sich den richtigen Robo aussucht. Einen, der nicht nur ein ETF-Portfolio zusammenbastelt und die Gewichte in festen Abständen ohne Rücksicht auf die Marktlage auf den Ausgangswert zurücksetzt (Rebalancing). Sondern einen, der professionelles
Risikomanagement bietet, der die riesige Menge von Marktdaten zielführend auswertet und mittels aussagekräftiger Simulationen das Risiko der Geldanlage kontrolliert. Dazu ist so gut wie kein Anleger in der Lage.

Bleibt noch die zweite Kritik: Robos würden nicht beraten. Der Anleger brauche einen Finanzprofi, dem er vertraut, der auf ihn eingeht und ihm in stürmischen Börsenphasen beisteht. Doch auch hier hapert es gewaltig. In einer Umfrage der Agentur Edelman aus dem Jahr 2016 halten nur 32 Prozent der Bundesbürger die etablierten Finanzdienstleister für vertrauenswürdig. Damit haben die Geldprofis das schlechteste Image aller untersuchten Branchen. Verwunderlich ist das nicht. Die meisten Finanzberater treten als Vertriebler auf. Sie drängen dem Kunden provisionsträchtige Finanzprodukte auf, die der gar nicht braucht.

Der Computer übernimmt das Kommando

Psychologen sind die Berater auch nicht. Sie entlocken dem Anleger nicht einfühlsam seine Risikotoleranz. In Wirklichkeit haben sie nur eine Handvoll Risikoschablonen, in die sie die Kunden pressen – fertig. Es kann auch keine Rede davon sein, dass sie den Investor stets mit lindernden Worten beruhigen, sobald dieser in Panik gerät und seine Aktien verkaufen will. Der Aufwand wäre bei üblichen Anlagesummen viel zu groß. In den Genuss einer individuellen Beratung, wie sie Tilmes und Spang vorschwebt, kommen allenfalls wenige vermögende Investoren. Zudem sei daran erinnert, dass gute Vermögensverwaltung keine ständige psychologische Betreuung erfordern sollte. Schmerzhafte Verluste versprechen die Profis ja gerade zu vermeiden.

Der Bedarf für digitales Geldmanagement ist zweifellos vorhanden. In den USA wünschen sich schon drei Viertel der Bankkunden den „Rat“ vom Robo. Nicht alle Robos werden die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen. Aber die guten Anbieter werden sich durchsetzen und einen echten Mehrwert schaffen.

Am Schachbrett, im Cockpit und im Operationssaal ist der Roboter dem Menschen schon überlegen. Auch im Auto wird er in ein paar Jahren das Kommando übernehmen. Es gibt keinen Grund, warum er ausgerechnet in der Finanzbranche scheitern sollte.

Der Artikel wurde als Gastbeitrag in €uro am Sonntag Ausgabe 38/16 veröffentlicht.

Bild: Alice Achterhof/ Unsplash.com

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Stefan Mittnik
Prof. Dr. Stefan Mittnik
GRÜNDER, WISSENSCHAFTLICHER BEIRAT
Stefan ist Professor für Finanzökonometrie und Direktor des Center for Quantitative Risk Analysis an der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie Fellow am Center for Financial Studies (CFS) in Frankfurt. Nach der Promotion in den USA lehrte er in New York und Kiel, bevor er 2003 nach München wechselte. Er war Mitglied des Forschungsbeirates der Deutschen Bundesbank, Fachkollegiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie Forschungsdirektor am CFS und Ifo-Institut und hatte mehrere Gast- und Ehrenprofessuren in den USA inne. Seit rund 30 Jahren forscht er zu Fragen der Analyse, Modellierung und Prognose von Finanzmarktrisiken und entwickelt Verfahren, bei denen empirische Relevanz statt finanzmathematischer Eleganz im Vordergrund stehen.