6 Kriterien für die ETF-Auswahl

1. Juli 2020  |  Nicolas Zeitler
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Von physisch und synthetisch replizierenden ETFs haben die meisten schon gehört. Doch warum ist der Unterschied für Anleger relevant? Und worauf sollte man bei der Entscheidung für einen Indexfonds noch achten? Der Überblick über die wichtigsten Kriterien.

Mit nur einem Kauf breit diversifiziert und kostengünstig anlegen – das ist der große Vorteil von ETFs. Bevor der passende im Depot liegt, müssen Anleger sich aber erst im Wald der mehr als 1.800 hierzulande handelbaren ETFs zurechtfinden. Ist die Entscheidung für Anlageklasse und Index – zum Beispiel MSCI World, Stoxx Europe 600 oder DAX – gefallen, geht es an die Auswahl des passenden Wertpapiers. Dabei sollten Anleger eine Reihe von Kriterien berücksichtigen:

1. Physisch oder synthetisch? Eine pauschale Antwort, welche Art der Indexnachbildung besser ist, gibt es nicht. Ein Vorteil physischer ETFs ist Transparenz. In ihnen steckt ganz oder teilweise, was auf dem Etikett steht – in einem DAX-ETF die 30 Aktien der Unternehmen aus dem deutschen Leitindex. Größere Indizes wie den Global Aggregate Index mit 25.000 Anleihen bilden die ETF-Anbieter meist über Teilreplikation ab, auf Englisch Sampling. Dabei kauft der Anbieter eine repräsentative Auswahl der Indextitel. Weil die Auswahl mithilfe statistischer Methoden geschieht, spricht man auch vom optimierten Sampling: Die Titel werden so ausgewählt, dass die Performance des ETF hinreichend nah an der des Index liegt.

Ein synthetisch replizierender ETF enthält dagegen unter Umständen andere Werte als die aus seinem Referenzindex. Im Portfolio eines synthetischen Telekommunikations-ETF können Pharma- oder Ölaktien liegen. Das spielt etwa für Anleger eine Rolle, die gezielt in eine Branche investieren oder bestimmte Branchen vermeiden möchten. Ein Blick auf die Website des ETF-Anbieters hilft. Dort sind die größten Komponenten des ETF und die Branchenverteilung aufgeführt.

Weil synthetisch replizierende ETFs die Index-Performance über Tauschgeschäfte abbilden, besteht bei ihnen zudem ein Kontrahentenrisiko: Die Bank, die dem ETF-Anbieter die Indexrendite zusichert, könnte pleite gehen. Allerdings sind die Tauschgeschäfte durch Wertpapiere besichert. Und der Wert dieses Sicherheitenkorbs darf höchstens zehn Prozent vom Nettoinventarwert des ETFs abweichen. Ein geringes Restrisiko bleibt.

Dem stehen Vorteile gegenüber: Ein synthetischer ETF kann auch in illiquide Nischenmärkte leicht investieren, weil er die Index-Titel nicht tatsächlich handeln muss. Dieser Umstand hält die Kosten niedrig. Das gilt auch für synthetische ETFs auf breite Märkte. Fliegt zum Beispiel ein Unternehmen aus dem DAX, wie zuletzt die Lufthansa, muss ein synthetischer ETF nicht automatisch Aktien austauschen. Synthetisch replizierende ETFs sind daher oft etwas günstiger als physisch replizierende. Und sie vollziehen die Wertentwicklung ihres Index oft etwas genauer nach. Ein Grund dafür ist, dass in einem synthetischen ETF weniger Transaktionskosten anfallen, die die Rendite schmälern und seine Performance von der des Index abweichen lassen. Das führt zum nächsten Punkt: den Kosten.

2. Wie hoch sind die Kosten? Erste Orientierung, ob ein ETF teuer oder günstig ist, bietet die Gesamtkostenquote (Total Expense Ratio, TER). Sie liegt laut dem Portal ExtraETF.com für in Deutschland handelbare ETFs bei durchschnittlich 0,36 Prozent jährlich. Aktien-ETFs kosten 0,35 Prozent, Anleihen-ETFs 0,22 Prozent und Rohstoff-ETFs 0,70 Prozent. Viele ETFs kosten heute nur noch wenige Basispunkte, sind also deutlich günstiger als diese Durchschnitte. Die TER ist in den ETF-Dokumenten auch unter Begriffen wie „laufende Kosten“ zu finden.

Anders als der Begriff Gesamtkostenquote nahelegt, sind in der TER aber nicht alle Kosten enthalten. Sie umfasst zwar unter anderem die Managementgebühr und die Kosten für die Verwahrung von Wertpapieren. Nicht eingerechnet sind aber Kosten möglicher Wertpapiertransaktionen bei Indexänderungen oder auf der anderen Seite zusätzliche Erträge des ETFs durch Wertpapierleihe. Und es gibt weitere Faktoren, die Abweichungen zwischen der Wertentwicklung eines ETFs und der seines Index verursachen: die erwähnte Teilreplikation etwa oder steuerliche Unterschiede zwischen Index und ETF.

Deshalb lohnt sich ein Blick darauf, wie stark der ETF auf Dauer tatsächlich vom Referenzindex abweicht. Das lässt sich aus dem Factsheet auf der ETF-Website ermitteln. Dort ist die Wertentwicklung des ETFs und seines Referenzindex angegeben. In der Regel für mehrere Jahre. Ist der ETF noch nicht so lange am Markt, wird die Performance seit seiner Auflage dargestellt. Der Unterschied zwischen ETF- und Index-Wertentwicklung ist die sogenannte Tracking Difference. Sie kann von Jahr zu Jahr geringfügig anders ausfallen, die Werte der Vorjahre bieten allerdings Orientierung. Für einen ETF spricht, wenn die Differenz sich im Bereich der TER bewegt. Einigen ETFs gelingt es zeitweise sogar, besser abzuschneiden als ihr Referenzindex. Dann ist die Tracking Difference negativ.

3. Wie liquide ist der ETF? Diese Frage ist eng mit der nach den Kosten verbunden. Ist ein ETF sehr liquide, also gut handelbar, drückt sich das in der Regel an einer niedrigen Geld-Brief-Spanne aus. Diese Spanne, auf Englisch Spread, ist die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs. Sie ist stark von den zugrunde liegenden Wertpapieren abhängig. In wenig gehandelten Nischen ist der Spread tendenziell größer als in breiten Märkten. Wer häufig kauft und verkauft, für den wird der Spread zu einem wichtigen Kostenfaktor – weil der Anleger bei jedem Kauf etwas mehr für einen Anteil bezahlt als er beim Verkauf zurückerhält. Wer sich einen ETF hingegen ins Depot holt, um ihn dort langfristig liegen zu lassen, für den ist der Spread weniger relevant. Dennoch kann sich zur Einschätzung ein Blick auf die Website der Deutschen Börse lohnen. Sie veröffentlicht monatlich eine Statistik, in der für ETFs das Xetra-Liquiditätsmaß (XLM) angegeben ist. Dieses kann Anlegern als Indikator dienen, wie liquide einzelne ETFs sind. Beim Vergleich mehrerer Monate lässt sich aus den Daten auch herauslesen, wie sich ETFs in unterschiedlichen Marktphasen geschlagen haben. Gerade in Stressphasen kann die Liquidität leiden, was sich an höheren Spreads zeigt. Im März beispielsweise, während der Börsenturbulenzen im Zusammenhang mit der Coronakrise, war das XLM und somit die Handelskosten des liquidesten DAX-ETF mehr als dreimal so hoch wie noch im Januar.

Echtzeit-Informationen über Handelsdaten einzelner ETFs, darunter auch die Geld-Brief-Spannen, lassen sich über den ETF-Finder von Gettex und die Website der Börse Frankfurt abrufen.

4. Ausschüttend oder thesaurierend? Will ein Anleger aus Aktiendividenden oder Anleihezinsen regelmäßig ein Zusatzeinkommen zur freien Verwendung generieren, empfiehlt sich ein ausschüttender ETF. Sollen diese Ausschüttungen automatisch wieder angelegt werden, ein thesaurierender. Bei Letzterem kommt dem Anleger der Zinseszinseffekt stärker zugute, weil der größte Teil der Erträge an der weiteren Wertentwicklung teilnimmt. Denn abgesehen von der jährlichen Vorabpauschale werden die Erträge bei einem thesaurierenden ETF erst beim Verkauf versteuert. Unter Umständen kann für einen Anleger aber ein ausschüttender ETF steuerlich günstig sein: Lassen sich die jährlichen Ausschüttungen mit seinem Sparerpauschbetrag verrechnen, zahlt er auf diese keine Steuern.

5. Wie steht es um Alter und Volumen? Sammelt ein ETF dauerhaft zu wenig Anlegergeld ein, kann die Fondsgesellschaft ihn womöglich nicht wirtschaftlich betreiben und schließt ihn. Investiertes Geld geht in dem Fall nicht verloren. Möglicherweise wird der aufgelöste in einen breiteren ETF überführt, der etwas anders ausgerichtet ist als der vom Anleger gewählte. Oder die Fondsgesellschaft kauft die Anteile zurück und der Anleger muss eine neue Investitionsmöglichkeit suchen. Um das zu vermeiden, lohnt ein Blick auf die Anbieter-Website. Ein vor zwei Jahren aufgelegter ETF mit nur vier Millionen Euro Volumen ist eher ein Schließungskandidat als ein zehn Jahre altes Schlachtross mit 500 Millionen Anlagevolumen. Wie groß ein ETF zum Überleben sein muss, lässt sich nicht pauschal beziffern. Die Börse Frankfurt nennt mit Verweis auf ETF-Anbieter ein Volumen von 50 bis 100 Millionen Euro.

6. Ist der ETF sparplanfähig? Von Bedeutung ist das für jeden, der durch monatliche Raten peu à peu Vermögen aufbauen will. Ob ein ETF besparbar ist, ist keine Eigenschaft des Wertpapiers an sich. Banken oder Broker entscheiden, auf welche ETFs sie Sparpläne anbieten. Daher lohnt es sich, bei der Brokerwahl auf ein möglichst breites Angebot an ETF-Sparplänen zu achten.

Die Checkliste zeigt: Einen gewissen Aufwand sollten Anleger bei der ETF-Auswahl betreiben. Dafür müssen sie nach dem Kauf nicht unbedingt ständig ihren Depotstand im Auge behalten. ETFs folgen ihrem Referenzindex. Sie werden diesen nicht wesentlich übertreffen, aber gegenüber dem Markt auch nicht deutlich schlechter abschneiden.

Bild: Teng Yuhong, unsplash.com

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Nicolas Zeitler
Financial Editor
Nicolas ist Redakteur mit den Themenschwerpunkten Finanzen und Digitales. Zuletzt leitete er die Finanzredaktion beim Vergleichsportal Check24. Erste journalistische Sporen verdiente er sich beim Münchner Merkur. Anschließend arbeitete er für das IT-Wirtschaftsmagazin CIO und die Agenturen Grasundsterne und Fischerappelt. Nicolas hat Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München studiert.