Von Bärenmärkten und Bärenmarkt-Rallys

6. Mai 2020  |  Nicolas Zeitler
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Die Börsenkurse sind zuletzt gestiegen – haben wir die Talsohle in der Coronakrise schon durchschritten? Die Börsengeschichte zeigt: Erholungen vor einem noch tieferen Absturz waren keine Seltenheit.

Erst ein schneller Absturz von mehr als 30 Prozent, seither wieder mehr als 25 Prozent Plus: Die jüngsten Kursgewinne können Anleger froh stimmen – oder misstrauisch werden lassen. Womöglich befinden wir uns nicht in einem neuen Bullenmarkt, sondern in einer Bärenmarkt-Rally. Davon sprechen Börsianer, wenn die Kurse innerhalb einer Abwärtsbewegung zwischenzeitlich wieder steigen. In früheren Börsenkrisen gab es oft Erholungen, bevor ein noch tieferer Absturz kam.

Der US-Aktienindex S&P 500 ist in den vergangenen 90 Jahren zehnmal von einem Allzeithoch mindestens 20 Prozent abgerutscht. Ab einem Verlust von diesem Ausmaß spricht man von einem Bärenmarkt. Mal war es ein Absturz innerhalb weniger Wochen, etwa rund um den Schwarzen Montag 1987, mal ein Kursrutsch über Jahre wie in der Weltwirtschaftskrise ab 1929. Bei sechs dieser zehn Bärenmärkte erholten sich die Kurse nach dem ersten 20-Prozent-Einbruch um mindestens zehn Prozent, bevor sie noch tiefer fielen. Bärenmarkt-Rallys von knapp 25 Prozent oder mehr gab es nur in zwei Börsenkrisen seit 1928.

In der Weltwirtschaftskrise ab 1929 bäumte sich die US-Börse auf dem fast drei Jahre langen Weg zum Tief siebenmal um mindestens zehn Prozent auf, davon dreimal um mehr als 25 Prozent. Bei der kräftigsten Zwischenerholung ab dem späten Herbst 1929 betrug das Plus sogar 47 Prozent. Diese Phase zog sich über fast fünf Monate hin – wer ist da nicht verleitet zu glauben, dass es weiter aufwärts geht?

Große Kurssprünge auf dem Weg zum Börsentief

Bärenmarkt-Rallys von mindestens 10 Prozent nach einem Kurssturz von 20 Prozent beim S&P-500-Index seit 1928*

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* In lokaler Währung; Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen. Hinweis: Weder vergangene Wertentwicklungen noch Prognosen haben eine verlässliche Aussagekraft über zukünftige Wertentwicklungen.

In der Finanzkrise von 2007 bis 2009 erholte sich die US-Börse vor Erreichen des Tiefpunkts dreimal um zehn Prozent oder mehr, darunter einmal um gut 24 Prozent.

Trügerische Erholungen

Verlauf des S&P-500-Index* während der Weltwirtschaftkrise ab September 1929: Auf den Kursrutsch um 20 Prozent vom Hochpunkt folgten bis zum Erreichen des Tiefpunkts Anfang Juni 1932 drei Bärenmarkt-Rallys mit Gewinnen von mindestens 25 Prozent.

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Verlauf des S&P-500-Index* während der Finanzkrise ab Oktober 2007: Auf den Kursrutsch um 20 Prozent vom Hochpunkt folgten bis zum Erreichen des Tiefpunkts im März 2009 drei Bärenmarkt-Rallys mit Gewinnen von mindestens 10 Prozent.

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* In lokaler Währung; logarithmische Darstellung; Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen. Hinweis: Weder vergangene Wertentwicklungen noch Prognosen haben eine verlässliche Aussagekraft über zukünftige Wertentwicklungen.

Das Kursplus der letzten Wochen heißt also mit Blick auf die Vergangenheit nicht, dass die Krise überwunden ist. Und was sagt uns die Dauer vergangener Bärenmärkte? Seitdem der jüngste Kursrutsch begann, sind gerade einmal etwas mehr als zwei Monate vergangen. Im historischen Vergleich ist das keine lange Zeitspanne:

  • Die Talfahrt vom Hoch- zum Tiefpunkt dauerte in den zehn Bärenmärkten seit 1928 im Mittel 17 Monate.
  • Bis die Kurse sich nach einem Absturz um 20 Prozent wieder auf das Vorkrisenniveau erholt hatten, vergingen im Mittel zwei Jahre. Besonders schnell erreichte der S&P 500 nach seinem Einbruch 1966 das Vorkrisenniveau (in gut acht Monaten), in der Weltwirtschaftskrise ab 1929 hingegen dauerte das nach dem ersten 20-Prozent-Einbruch binnen 30 Tagen fast 25 Jahre.

Erholungen dauern zwischen zwei und mehr als 20 Jahren

Verlauf des S&P 500 vom Start eines Bärenmarkts bis zum Wiedererreichen des Vorkrisenhochs*

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* Indexierte Darstellung: 0% = Allzeithoch vor Beginn des jeweiligen Bärenmarktes; in lokaler Währung; Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen. Hinweis: Weder vergangene Wertentwicklungen noch Prognosen haben eine verlässliche Aussagekraft über zukünftige Wertentwicklungen.

Anleger mussten also zum Teil sehr geduldig sein, bis die Kursverluste ausgesessen waren. Wer zu Beginn des Bärenmarktes noch fünf Jahre Zeit hatte, an der Börse zu bleiben, der stand nach dieser Zeit allerdings in sieben von zehn Fällen mit teils kräftigen Kursgewinnen da. Zu beachten ist: Wir betrachten hier jeweils den Verlauf des S&P-500-Index. Würde man Dividenden einrechnen, wäre die Zeit bis zum Wiedererreichen der Vorkrisenstände jeweils etwas kürzer, die erzielte Performance für den Anleger höher.

  • In den Bärenmärkten seit 1928 brachen die Kurse des S&P 500 im Mittel um 35 Prozent gegenüber dem vorherigen Höchststand ein.
  • Innerhalb von fünf Jahren nach Überschreiten der 20-Prozent-Verlustmarke stiegen die Kurse im Mittel um 30 Prozent, im besten Fall sogar um 148 Prozent. Im schlechtesten Fall – während der Weltwirtschaftskrise ab 1929 – fielen sie um weitere 59 Prozent.

Mal langsames Rutschen, mal steiler Absturz

Kursrückgänge des S&P-500-Index um mindestens 20 Prozent vom vorherigen Allzeithoch seit 1928 und Performance fünf Jahre später*

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* In lokaler Währung; Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen. Hinweis: Weder vergangene Wertentwicklungen noch Prognosen haben eine verlässliche Aussagekraft über zukünftige Wertentwicklungen.

Wie immer liefert der Blick auf die Daten vergangener Jahre nur Anhaltspunkte. Nach welchem Muster die derzeitige Krise verläuft, kann niemand zuverlässig prognostizieren. Weitere Kursverluste in der nächsten Zeit erscheinen zumindest nicht unwahrscheinlich, auch mit Blick auf die nach wie vor angespannte Risikolage.

Falsch wäre es allerdings, deswegen jetzt den Kapitalmärkten fernzubleiben und nur auf Cash zu setzen. Wer das tut, läuft Gefahr, den nächsten Aufschwung zu verpassen. Indem man sich neben Aktien weitere Anlageklassen ins Depot legt, etwa Staatsanleihen, Unternehmensanleihen und Rohstoffe, lassen sich weitere Rückschläge an den Aktienbörsen abfedern. Und wenn sich die letzte vermeintliche Bärenmarkt-Rally schließlich als Beginn eines neuen Bullenmarkts entpuppt, profitiert der Anleger zumindest mit dem Aktienanteil vom Kursanstieg.

Bild: Fineas Anton, unsplash.com

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Nicolas Zeitler
Financial Editor
Nicolas ist Redakteur mit den Themenschwerpunkten Finanzen und Digitales. Zuletzt leitete er die Finanzredaktion beim Vergleichsportal Check24. Erste journalistische Sporen verdiente er sich beim Münchner Merkur. Anschließend arbeitete er für das IT-Wirtschaftsmagazin CIO und die Agenturen Grasundsterne und Fischerappelt. Nicolas hat Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München studiert.