Plötzlich Geld: Wie man einen hohen Betrag an der Börse investiert

5. Dezember 2019  |  Nicolas Zeitler
Ploetzlich Geld 1700
Wer eine größere Summe auf der hohen Kante hat, fährt meist besser damit, sie auf einmal an der Börse anzulegen statt scheibchenweise.

Erbe, Abfindung, Auszahlung der Lebensversicherung: Es gibt einige Gründe, warum Menschen auf einen Schlag an einen Batzen Geld kommen. Wer die Summe an der Börse anlegen will, steht vor der Frage: Alles auf einmal investieren oder lieber Stück für Stück nach einem Sparplan? Gerade jetzt, da die Börsen seit gut zehn Jahren im Aufwind sind, rechnet mancher mit einem baldigen Kurssturz. Ist die Einmalanlage da nicht viel zu riskant? Und ist es nicht ohnehin besser, scheibchenweise zu investieren – Stichwort: Durchschnittskosteneffekt (Cost-Average-Effect)? Abgesehen davon, dass niemand vorhersehen kann, wann der nächste Bärenmarkt kommt, lautet die Antwort auf beide Fragen in den meisten Fällen: nein. Das illustriert unser Beispiel.

Eine Anlegerin will 100.000 US-Dollar breit diversifiziert in Aktien investieren – in den MSCI World. Weil der Index in US-Dollar notiert, rechnen wir in dieser Währung. Stellt sich die Anlegerin mit einer Einmalanlage der ganzen Summe schlechter oder besser, als wenn sie zum Start 12.500 Dollar und danach 35-mal monatlich je 2.500 Dollar anlegt? Im zweiten Fall liegt der noch nicht investierte Rest unverzinst auf ihrem Girokonto. Für jeden möglichen monatlichen Anlagestart seit 1989 rechnen wir aus, bei welchem Vorgehen nach 36 Monaten mehr Geld im Depot liegt. Diesen Zeitraum zu betrachten genügt, weil an seinem Ende das gesamte Geld investiert ist. Wo der Depotwert nach drei Jahren höher ist, wird er es auch fortan bleiben.

Einmalanlage schlägt Sparplan in gut 75 Prozent der Fälle

Das Ergebnis ist ziemlich eindeutig. Zu 325 Monatsanfängen konnte unsere Anlegerin von Anfang 1989 bis Ende 2018 eine Geldanlage über drei Jahre beginnen:

  • 249-mal, also in drei Viertel der Fälle, hatte sie nach 36 Monaten mit der Einmalanlage mehr Geld im Depot als mit der schrittweisen Investition.
  • In der Hälfte der Fälle hatte sie am Ende mindestens 12,3 Prozent mehr auf dem Konto als mit der Sparplan-Strategie.
  • In einem Viertel der Fälle hatte sie sogar mindestens 20 Prozent mehr im Depot.

Natürlich darf auch die andere Seite nicht verschwiegen werden: In einem von vier Fällen blieb die Einmalanlage hinter der Sparplan-Strategie zurück. Konkreter:

  • In fünf Prozent der Fälle war der Depotwert der Einmal-Anlegerin nach 36 Monaten um mindestens 22 Prozent niedriger als bei einer Sparplananlage.
  • In jedem zehnten Fall hatte sie nach drei Jahren mindestens 15 Prozent weniger Geld im Depot als bei einer Anlage in Raten.

Einmalanlage meist besser als Sparplan

Einmalanlage von 100.000 US-Dollar in den MSCI World vs. Sparplan mit 12.500 US-Dollar Anfangsinvestition und 35 monatlichen Raten à 2.500 US-Dollar*
Blog_lump-sum-investment-vs-dollar-cost-averaging
Lesebeispiel: In 77 von 325 Fällen ist der Depotwert bei einer Einmalanlage nach drei Jahren 20 bis 30 Prozent höher als bei einer Sparplananlage zum gleichen Startzeitpunkt.
* Häufigkeitsverteilung bei einem Anlagezeitraum von 36 Monaten mit monatlichen Anlagestarts von Anfang 1989 bis Ende 2018; mit Nettodividenden, ohne Handelskosten; Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen. Hinweis: Weder vergangene Wertentwicklungen noch Prognosen haben eine verlässliche Aussagekraft über zukünftige Wertentwicklungen.

 
Um die Gewinn- und Verlustpotenziale der beiden Strategien zu verdeutlichen, blicken wir zusätzlich auf die Best- und Worst-Case-Szenarien für die absolute Performance in drei Jahren:

  • Die schlechtesten Fälle: Hat die Einmalanlegerin die ganze Summe Anfang April 2000 investiert, als der Kollaps der Dotcom-Blase seinen Anfang nahm, hat sie drei Jahre später 45 Prozent ihres Investments eingebüßt. Die Sparplananlage hat nach drei Jahren zu einem Maximalverlust von 42 Prozent geführt, wenn die Anlegerin sie Anfang März 2006 aufgelegt hat und so die Finanzkrise voll mitnimmt.
  • Die besten Fälle: Eine Einmalanlage Anfang April 2003, am Ende der Dotcom-Krise, hat nach drei Jahren einen Gewinn von 90 Prozent erbracht. Das Maximum, das die Anlegerin in drei Jahren mit der Sparanlage erreichen konnte, ist mit 46 Prozent halb so hoch und wurde bei einem Start Anfang 1997 erzielt, also in dem Zeitraum, in dem sich die Dotcom-Blase aufbaute.

Für die Entscheidung pro oder contra Einmalanlage sollte man jedoch nicht nur auf die Extremfälle schielen. Denn dies sind Einzelfälle, und ob man zum Zeitpunkt der Anlage kurz vor dem Ausbruch einer Krise oder vor einem Börsenboom steht, lässt sich ohnehin nicht vorhersagen.

Statistisch gesehen ist die Einmalanlage dem Sparplan-Modell in unserem Beispiel jedenfalls klar überlegen, wie an der Häufigkeitsverteilung oben auf einen Blick zu erkennen ist. Zwar kann es beruhigend wirken, eine große Summe in Tranchen anzulegen, weil man nicht fürchten muss, den einen falschen Zeitpunkt erwischt zu haben. Finanziell besser stellen wird man sich damit allerdings in den meisten Fällen nicht.

Wie erklärt sich das Ergebnis unseres Rechenexempels? Langfristig steigen die Börsenkurse tendenziell. Wer ab dem Beginn eines bestimmten Zeitraums den ganzen Anlagebetrag investiert hat, profitiert von dem Aufwärtstrend stärker als ein Anleger, der dieselbe Summe schrittweise anlegt.

Wo ein Sparplan seine Stärken hat

Spricht das Ergebnis unseres Rechenbeispiels nun grundsätzlich gegen Sparpläne? Auf keinen Fall. Ein Sparplan ist bloß nicht das Mittel der Wahl, um eine auf einmal verfügbare Summe zu investieren. Er eignet sich vielmehr für einen anderen Zweck: Von dem Geld, das monatlich zum Beispiel als Gehalt auf dem Konto eingeht, einen festen Betrag anzulegen, dadurch das regelmäßige Investieren fest zu verankern und schrittweise Vermögen aufzubauen. Hierbei kommt der eingangs erwähnte Durchschnittskosteneffekt zum Tragen: Je nach Kursentwicklung kauft der Anleger mit seinem gleichbleibenden Sparbetrag mal mehr, mal weniger Fondsanteile. Als Argument dafür, große Summen grundsätzlich häppchenweise zu investieren, darf der Durchschnittskosteneffekt hingegen nicht missverstanden werden.

Bild: Ivan Bandura, unsplash.com

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Nicolas Zeitler
Financial Editor
Nicolas ist Redakteur mit den Themenschwerpunkten Finanzen und Digitales. Zuletzt leitete er die Finanzredaktion beim Vergleichsportal Check24. Erste journalistische Sporen verdiente er sich beim Münchner Merkur. Anschließend arbeitete er für das IT-Wirtschaftsmagazin CIO und die Agenturen Grasundsterne und Fischerappelt. Nicolas hat Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München studiert.