Mit 27 Mann gegen die etablierten Vermögensverwalter

Artikel in der FAZ vom 23. Dezember 2015 - Die Neugründung Scalable Capital macht manchem in der Branche Angst / Robo-Advisor gibt Kunden regelmäßig Anlageempfehlungen

kann. FRANKFURT, 23. Dezember. Florian Prucker ist jung, gerade 32 Jahre alt, trägt statt Hemd und Krawatte grauen Pulli. In seinem Büro in der Münchener Prinzregentenstraße hängen Bilder, die mit Schattierungen von dunkelrot bis hellgelb aussehen wie Alpenglühen. Tatsächlich sind es die Anlageprofile seiner Kunden im Zeitverlauf, wie er erklärt. Prucker ist einer der Gründer von Scalable Capital und versucht mit seinem jungen Finanz-Start-up gerade die etablierten Vermögensverwalter das Fürchten zu lehren.

Wenn man unter Branchenvertretern fragt, welchem der zuhauf aufkommenden Fintechs sie gute Chancen einräumen, zum echten Konkurrenten zu werden, dann fällt der Name Scalable Capital immer wieder.

Sogenannte Robo-Advisor, die nach einigen Fragen dem Kunden ein Anlageprofil empfehlen, gibt es viele inzwischen. Prucker und einige Mitstreiter haben aber zusammen mit dem Münchener Professor für Finanzökonometrie Stefan Mittnik ein Programm entwickelt, das nicht nur einmal die Interessen abfragt. Scalable Capital verspricht seinen Kunden, regelmäßig ihr Portfolio zu durchkämmen und nach den jeweils günstigsten Anlageklassen und -produkten für sie an den Kapitalmärkten zu suchen. Deshalb sind die Ausdrucke hinter Pruckers Schreibtisch so vielfarbig; mal wird die dunkelrote Anlageklasse, vielleicht Anleihen Europa, stärker gewichtet, mal die orangefarbene, vielleicht Aktien Amerika, und mal die gelbe, vielleicht Tagesgeld. Schließlich ist ein hoher Anleiheanteil je nach Marktlage mal defensiv und mal sehr gewagt.

Aus Pruckers Sicht bietet Scalable Capital damit Vermögensverwaltung wie die großen Banken und Kapitalanlagegesellschaften. Nur, dass die Kunden dort nicht 1 Million, sondern nur 10 000 Euro Mindestanlage mitbringen müssen, und dass die Gebühr mit 0,75 Prozent auf das verwaltete Vermögen im Jahr weit niedriger ist.

Dafür läuft laut Prucker einmal am Tag das Programm durch alle Portfolios. Wenn es irgendwo Verbesserungsmöglichkeiten findet, schichtet ein Mitarbeiter das Geld von einem Indexfonds (ETF) in den besseren um. Für den Kunden sollen nicht mehr Kosten als 1 Prozent des verwalteten Vermögens entstehen. „Wir haben die Vermögensverwaltung demokratisiert“, sagt Prucker vollmundig.

Der junge Manager kommt wie drei seiner Mitstreiter von der Investmentbank Goldman Sachs. Dort hat er erst im Team des heutigen Deutschland-Chefs Jörg Kukies gearbeitet, dann in London im Derivatehandel. Ende 2014 haben sie sich mit Scalable Capital selbständig gemacht und die ersten Entwicklungsschritte selbst finanziert. Anfang 2015 haben sie dann 2 Millionen Euro von Business Angels eingesammelt – also Investoren, die nicht nur Geld, sondern auch Rat geben. Unter ihnen waren der Gründer des Online-Brokers Consors, Reiner Mauch, und jener der Dating-Plattform Match.com, Peng Ong. Später stieg noch die Beteiligungsgesellschaft Holtzbrinck Ventures ein.

Inzwischen beschäftigt Scalable Capital 27 Mitarbeiter. Reichlich wenig, um es mit den großen etablierten Spielern im Markt aufzunehmen. Doch Prucker sieht gerade darin den Vorteil. „Die Analyseteams der Banken mögen zwar gut sein, aber zwischen ihnen und den Kunden sitzen so viele teuer bezahlte Mitarbeiter in schönen Büros, dass ihre Produkte einfach nicht kosteneffizient sein können.“

Auch Scalable Capital arbeitet mit einer klassischen Bank zusammen, der Baader Bank. Auf deren Konten liegt das Geld der Kunden und ist somit auch über die gesetzliche Einlagensicherung hinaus über den Sicherungsfonds der privaten Banken geschützt.

Was im Depot liegt, ist ohnehin Sondervermögen und wäre von einer Insolvenz von Scalable Capital oder der Baader Bank nicht betroffen. „Wir sind voll von der Bafin reguliert“, sagt Prucker. „Wir verwalten schließlich das Geld anderer Leute.“

Was für Leute sind das, die einem völlig unbekannten Unternehmen ihr Geld anvertrauen? „Unsere Kundschaft sind smarte Berufstätige, die wissen, dass sie bei der Bank nicht gut behandelt werden, und dass ETFs eine günstige Anlageform sind, aber sich nicht selbst mit der Geldanlage befassen wollen“, sagt Prucker.

Bislang allerdings kommt der Kunde erst einmal auf eine Warteliste und muss auf eine Einladungsmail mit Zugangscode warten, ehe er sein Geld anlegen kann. Das wirkt ein bisschen wie bei einem überkandidelten Club, der sich wichtig tun will. Tatsächlich wollen die Macher von Scalable Capital aber nicht zu viele Leute auf einmal in ihr System lassen, um eventuelle Fehler noch im Kleinen ausbügeln zu können. Wie viele Kunden inzwischen auf der Plattform registriert sind, sagt Prucker nicht. Die Warteliste sei aber vierstellig. Anfang nächsten Jahres soll das Programm dann ganz frei zugänglich werden.

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