Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS)

Finanzen sind Frauensache

Der weltgrößte Investor Blackrock steckt Millionen in ein deutsches Finanz-Start-up.
Ein Grund dafür ist Manuela Rabener, die zuvor in Möbel und Mode gemacht hat.

Von Bettina Weiguny - 25.06.2017

Finanzen sind Männersache. Das ist bis heute so: Nur jede fünfte Spitzenposition in einer Bank ist mit einer Frau besetzt. Noch viel dünner gesät sind Frauen an der Spitze von "Fintechs", also Neugründungen, die das Bankgeschäft ins Netz verlagern, einzelne Dienste digitalisieren. Hier ist gerade mal einer von 13 Topmanagern weiblich.

Manuela ("Ella") Rabener ist da eine Ausnahme. "Es ist traurig, dass so wenige Frauen sich für Finanzen begeistern", sagt die Frontfrau und Marketingchefin einer Firma namens "Scalable Capital". Die 38-Jährige leitet das Londoner Geschäft des vollautomatisierten Vermögensverwalters, der diese Woche von sich reden machte: Blackrock, der größte Investor der Welt, ist bei dem Münchner Start-up eingestiegen. Insgesamt 30 Millionen Euro erhält die Tech-Bude von neuen Miteigentümern, der Großteil davon stammt von den mächtigen New Yorkern, die weltweit 5,4 Billionen Dollar für ihre Kunden anlegen, an allen deutschen Dax-Konzernen beteiligt sind - und jetzt erstmals in ein deutsches Start-up investieren. Der Deal mit Blackrock beweist: In dem jungen Geschäftsfeld wird ein Milliardenmarkt vermutet. Und das nicht mal drei Jahre alte Fintech aus München ist nicht nur Marktführer in Deutschland, sondern spielt europaweit vorne mit. Das Besondere an den digitalen Vermögensverwaltern: Hier entscheiden allein die Roboter, wo und wie das Geld der Kunden angelegt wird. "Computer können das viel besser als Kundenberater", sagt Rabener. Sie seien zudem billiger und gehen - im Gegensatz zum Bankberater - völlig unabhängig vor. "Ich habe mich immer geärgert, wenn ein Bankberater mir das Produkt des Monats aufschwatzen wollte, bei dem die Provision für ihn besonders hoch lag." Bei Scalable Capital stellt ein Computerprogramm, der Robo-Advisor, dem Anleger ein Portfolio aus Indexfonds (ETF) zusammen, das neben Aktien und Anleihen auch Rohstoff- und Immobilien-Fonds umfasst. Die Unabhängigkeit bei der Wahl der ETF soll auch nach dem Einstieg von Blackrock garantiert sein, obwohl dieser Weltmarktführer bei ETF ist.

Scalable Capital greift häufig auf diese zurück. "Wenn aber die ETF anderer Anbieter besser sind, setzen wir natürlich diese ein", verspricht die Geschäftsführerin.

Rabener, die am Anfang ihrer Karriere sieben Jahre für McKinsey gearbeitet hat, hat eine derartige Anlagemöglichkeit früher immer gesucht. "Für eine Privatbank war ich lange Zeit nicht interessant, dazu fehlten mir einige hunderttausend Euro Vermögen." Einem gewöhnlichen Berater in einer Bankfiliale wollte sie ihr Erspartes nicht geben. "Ich wusste, das Geld kann ich besser anlegen." Schließlich ist sie vom Fach. Nach dem BWL-Studium mit Schwerpunkt Bankwirtschaft und Finanzderivate hat sie Banken in Sachen Risikomanagement beraten. "Aber mir fehlte die Zeit, mich richtig um das Geld zu kümmern."

Ella Rabener

Immer wieder musste sie für Wochen oder Monate zu einem Projekt nach New York oder Dubai, Saudi-Arabien oder Südkorea. "Und schon hatte ich den richtigen Zeitpunkt verpasst, irgendwo einzusteigen oder eine Position rechtzeitig abzustoßen." Der Robo-Advisor dagegen beobachtet die Märkte rund um die Uhr, reagiert auf Schwankungen und schichtet automatisch um. Für den Service verlangt Scalable Capital eine Jahrespauschale von 0,75 Prozent der angelegten Summe. 10000 Euro müssen die Kunden als Mindesteinlage mitbringen.

Rabener war nicht ganz von Anfang an bei dem Start-up dabei. Gegründet haben das Fintech Ende 2014 einige Goldman-Sachs-Banker und der Münchner Risiko-Professor Stefan Mittnik. Rabener lebte damals noch in Moskau, hatte dort für den Online-Möbelhändler Westwing das Geschäft aufgezogen. "Das war sehr spannend", sagt die promovierte Betriebswirtin. Aber nach drei Jahren hatte sie genug von Fernbeziehung und Russland-Abenteuer. Sie zog zu ihrem Ehemann nach London und startete ein eigenes Taschen-Label. Die erste Kollektion unter eigenem Namen, "Ella Rabener", war schon produziert, als ein ehemaliger Westwing-Kollege sie Mitte 2015 für den Aufbau von Scalable Capital abwarb. Der Robo-Advisor verwaltet heute 250 Millionen Euro von etwa 6000 Kunden, darunter auch erste Großkunden. So empfiehlt Siemens seinen Mitarbeitern die Online-Bude für die Altersvorsorge. Mit Blackrock im Rücken hoffen die Gründer auf einen Ausbau solcher Kooperationen. Mittelfristig brauchen sie Einlagen in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro, um international bestehen zu können. Zum Vergleich: In Amerika verwalten die großen Robo-Advisors bis zu 31 Milliarden Dollar. Hier hofft Rabener auf die Frauen. Vier Fünftel ihrer Kunden sind bisher Männer. Das will sie ändern. "Finanzen müssen endlich auch Frauensache sein." Deshalb geht sie regelmäßig in Schulen und erzählt den Mädchen von ihrem Job und allem, "was es jenseits der Welt der Mädchenzeitschriften Spannendes gibt".

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