Rendite vom Roboter

Scalable Capital hat sich in nur einem Jahr zum größten Online-Vermögensverwalter Deutschlands entwickelt. Sogar Siemens schwört darauf.

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FAS Sonntagszeitung, 12.02.2017, GELD & MEHR
Von Thomas Klemm

Was Siemens neulich seinen Mitarbeitern präsentiert hat, war eine gehörige Überraschung. Zwar sind es die 114 000 Siemens-Beschäftigten in Deutschland gewohnt, von ihrem Arbeitgeber allerlei Angebote für Versicherungen, Baufinanzierungen und Ähnliches vermittelt zu bekommen. Doch als der Konzern seinen Angestellten riet, ihre Vermögensbildung in die Hände eines sehr jungen und wenig bekannten Start-ups namens Scalable Capital zu legen, da wurde das als kleine Sensation wahrgenommen. Die drei Gründer des Finanzdienstleisters können ihr Glück bis heute kaum fassen. "Wenn sich ein großer Dax-Konzern für unsere Online-Bude und nicht für eine Fondsgesellschaft entscheidet, dann hat das eine Strahlkraft nach außen", sagt Erik Podzuweit, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Scalable.

Von wegen Online-Bude! Wie unpassend die launige Selbstbeschreibung ist, zeigt ein Besuch in München, Prinzregentenstraße. Keine schlechte Adresse. Das Großraumbüro ist hell, am Eingang steht der start-up-typische Tischkicker wie ein selten genutztes Möbelstück. Drei Dutzend Beschäftigte sitzen still vor Computern, mittendrin hängt ein Plakat an einer Säule. Darauf steht: "Work hard, Invest easy". Ein Motto, wie es sich die meisten der zwei Dutzend deutschen digitalen Vermögensverwalter und Finanzvermittler auf die Fahnen geschrieben haben.

Diese sogenannten Robo-Advisor setzen auf eine automatisierte Geldanlage. Das heißt, sie bieten ihren Kunden eine Teilhabe am Kapitalmarkt, ohne einen Bankberater beanspruchen oder jede Portfolio-Umschichtung selbst erledigen zu müssen. Stattdessen ist es nur nötig, einen Fragebogen zu Anlagezielen, Anlagezeitraum und Risikoprofil auszufüllen, dann bekommt ein Anleger ein passendes Portfolio vorgeschlagen. Dies setzt sich bei jedem Robo-Advisor aus Exchange Traded Funds (ETF) zusammen. Diese Indexfonds bilden die Wertentwicklung eines Börsenbarometers wie des Dax oder von Anleihen nach. Bei Scalable Capital gehören auch noch Rohstoff-ETF und Immobilienfonds zum Anlagespektrum.

In nur einem Jahr ist das Start-up, das über eine Bafin-Lizenz verfügt, zum führenden Online-Vermögensverwalter hierzulande aufgestiegen. 140 Millionen Euro Kundengelder verwaltet Scalable, jede Woche kommen fünf, sechs Millionen Euro hinzu. Unter den 3500 Kunden sind viele Banker, Leute vom Fach also, die sich eigentlich selbst ein Portfolio zusammenstellen könnten, statt Scalable damit zu beauftragen und für ein weitgehend standardisiertes Produkt Gebühren von 0,75 Prozent jährlich zu bezahlen. Der Mindestanlagebetrag ist 10 000 Euro.

Selbst Banker aber sind oft zu bequem, um sich auch in ihrer Freizeit um Finanzgeschäfte zu kümmern. Zum anderen fühlen selbst Fachleute bei Scalable gut aufgehoben, wie die Finanzexperten von Siemens, die die Zusammenarbeit mit dem Start-up eingefädelt haben. "Wir gehen fokussiert auf unsere Zielkunden zu, über ihre Empfehlungen erreichen wir dann auch andere Kunden", sagt Podzuweit, 35 Jahre alt und wie Mitgeschäftsführer Florian Prucker einst Banker bei Goldman Sachs. Die Kapitalgeber des Start-ups zeigen sich von Scalables Geschäftsmodell überzeugt, in Kürze steht eine neue Finanzierungsrunde bevor, die einen zweistelligen Millionenbetrag einspielen soll.

Der Erfolg liegt am Investmentansatz, den Scalable verfolgt. Er richtet sich an Anleger, die nicht unbedingt die höchstmögliche Rendite suchen, sondern das Risiko in Grenzen halten wollen. Und hier kommt Stefan Mittnik ins Spiel, der dritte Scalable-Gründer. Der 62-Jährige ist Professor für Finanzökonometrie und Direktor des Center for Quantitative Risk Analysis an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Bis 2003 war er Professor in Kiel, wo Podzuweit zu seinen Studenten gehörte. Von seinen Forschungen ausgehend, hat Mittnik ein Risikomodell entwickelt, um das sich bei Scalable alles dreht. Es stützt sich auf bisherige Börsenentwicklungen und versucht, daraus künftige Kursverläufe zu ermitteln. "Die Informationen beziehen wir aus der Historie der 1500 ETF, die wir im Universum haben", sagt Mittnik.

Anders als eine Rendite, so Mittniks Ansatz, ist das Risiko vorhersagbar. Wenn ein Index in den zurückliegenden Wochen stark schwankte, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er auch weiterhin stark ausschlägt. Entsprechend passt der Scalable-Algorithmus das Portfolio an. Es wird verkauft, was stark zittert, investiert wird stattdessen in Anlageklassen, die zuletzt wenig schwankten. Anders als bei anderen Robo-Advisor oder bei Mischfonds gibt es keine feste Portfoliostruktur, die sich beispielsweise zur Hälfte aus Aktien und Anleihen zusammensetzt.

In Mittniks Modell gibt es zwei Dutzend Risikoklassen, die ein bestimmtes Verlustrisiko binnen eines Jahres widerspiegeln. Das heißt, in der niedrigsten Risikoklasse 3 wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent der Jahresverlust von 3 Prozent nicht überschritten. In der höchsten Kategorie 25 beläuft sich der Verlust mit ebenso hoher Wahrscheinlichkeit auf 25 Prozent der Anlagesumme. Das Verlustrisiko eines reinen Dax-ETF liegt deutlich höher, bei 40 Prozent.

Es gibt Experten, die solche statistischen Verfahren skeptisch sehen. Doch das Scalable-Modell hat seine ersten Bewährungsproben erfolgreich bestanden. Als die Börsen zu Beginn des vergangenen Jahres abstürzten, verloren selbst die Scalable-Portfolios der höchsten Risikoklasse nur fünf Prozent. Und als sich Mitte Juni 2016 die Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union entschieden und die Kurse europäischer Aktien kurzfristig um zehn Prozent einbrachen, waren sämtliche Scalable-Portfolios kaum betroffen. Der Grund: In den Wochen zuvor hatten europäische Aktien stark geschwankt, so dass Scalables Computerprogramm große Anteile verkauft hatte. Umgeschichtet wurde in amerikanische Staats- und Unternehmensanleihen, die vom Brexit-Votum dann kaum getroffen wurden. "Unser Ziel ist es, in Phasen hoher Risiken nicht dauerhaft voll investiert zu sein, damit wir nicht den ganzen Weg nach unten mitgehen", sagt Podzuweit.

Umgekehrt gehen Anleger bei Scalable auch nicht den ganzen Weg nach oben mit. So ging die Börsenrally nach Donald Trumps Wahlsieg ein Stück weit an den Portfolios vorbei, weil die Aktienquote Mitte November nicht sehr groß war. Am Ende des Jahres kam ein Portfolio der höchsten Risikokategorie dennoch auf eine Rendite von mehr als sieben Prozent. "Unser Ziel ist es nicht, besser abzuschneiden als der Aktienmarkt", sagt Podzuweit. Aktuell setzt das Scalable-Modell bevorzugt auf Schwellenländeraktien und Anlagen in Asien und Amerika, europäische Aktien machen nur einen Anteil von einem Prozent aus.

Scalable Capital, das auch in Großbritannien aktiv ist, gehört zu den sechs größten Robo-Advisor in Europa. Das Start-up will weiter wachsen, auch in anderen Ländern. Für dieses Jahr strebt Scalable zunächst ein verwaltetes Vermögen von mehreren hundert Millionen Euro an. Bald danach soll die Marke von einer Milliarde Euro geknackt werden. Der größte Robo-Advisor überhaupt, Betterment aus Amerika, verwaltet schon 6,1 Milliarden Dollar. "Man muss Schritt für Schritt gehen", sagt Podzuweit, "wenn man zu viel auf einmal macht, zerreißt einen das." Die Kooperation mit Siemens war ja schon ein großer Schritt.

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