ESG-ETFs: Ist Nachhaltigkeit ein Rendite-Killer?

2. Dezember 2020  |  Nicolas Zeitler
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Der Glaube hält sich hartnäckig: Investieren nach ESG-Kriterien soll weniger Ertrag bringen als konventionelles Geldanlegen. Studien und Marktdaten bekräftigen das Gegenteil.

Auch wenn immer mehr Anleger ihr Geld nachhaltig investieren, hält sich ein Vorurteil: Wer verantwortungsvoll anlegt, müsse unter Umständen Einbußen bei der Rendite hinnehmen. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge herrscht unter Anlegern nach wie vor Unsicherheit, ob die Rendite nachhaltiger Anlegen mit der klassischer Investments mithalten kann. Sind solche Bedenken berechtigt, speziell, was nachhaltige ETFs angeht?

Falls ja, lassen sich Anleger davon immer weniger beirren: ESG-ETFs haben bisher zwar nur einen Anteil von 1,5 Prozent an den 6,7 Billionen US-Dollar, die weltweit in ETFs angelegt sind. Doch ihr Anteil wächst überdurchschnittlich, zeigen Daten des Marktforschers ETFGI: 373 Milliarden Dollar flossen in diesem Jahr bis Ende Juli neu in ETFs, davon mehr als jeder zehnte Dollar in einen nachhaltigen ETF. Kommt dieses Geld von Anlegern, die fürs gute Gewissen sehenden Auges auf Ertrag verzichten?

Offenbar nicht. Die Behauptung, dass das Berücksichtigen von Kriterien wie Umweltschutz, sozialen Standards und guter Unternehmensführung beim Anlegen Rendite kostet, lässt sich Stand heute nicht halten. Das zeigt sich an der Wertentwicklung nachhaltiger Indizes, die Grundlage für ebensolche ETFs sind, und an den Ergebnissen von Studien zu Anlageprodukten.

ESG Screened und SRI nicht grundsätzlich schlechter als ihr Mutterindex

Nachhaltige Indizes wie der MSCI World ESG Screened oder der MSCI World SRI sind Varianten des MSCI World, die die Indexanbieter nach verschiedenen Methoden zusammenstellen. Beispielsweise schließen sie Firmen aus bestimmten Branchen aus, etwa Waffenhersteller oder Kohlekonzerne, oder sie nehmen aus jeder Branche nur die Unternehmen mit den besten Nachhaltigkeitskennzahlen auf – dieser Ansatz heißt auch Best-in-Class-Verfahren. Beides führt dazu, dass in diesen Indizes weniger Bestandteile stecken als im Mutterindex. Der MSCI World ESG Screened ist mit 1.504 Positionen noch relativ nah am MSCI World, der die Wertentwicklung von 1.603 Titeln abbildet. Der MSCI World SRI unterscheidet sich mit nur 386 Indexmitgliedern deutlicher von seiner Mutter. Hier sind die Nachhaltigkeitskriterien weitaus strenger.

Außer durch die Zahl der Mitglieder unterscheiden sich nachhaltige Indizes zum Teil auch in den größten Indexbestandteilen, die die Wertentwicklung am stärksten beeinflussen, von ihrem Mutterindex. Ein Beispiel: Im MSCI World ist Apple mit 4,3 Prozent die größte Position, vor Microsoft mit 3,3 Prozent. Im MSCI World SRI fehlt Apple, dafür hat Microsoft an der Spitze ein Gewicht von 12,6 Prozent. Unterschiede in der Zahl der Positionen und bei der Gewichtung können dazu führen, dass Mutterindex und nachhaltige Töchter unterschiedliche Rendite-Risiko-Profile haben – also nicht dieselbe Wertentwicklung aufweisen und unterschiedlich stark schwanken.

Anders als bisweilen vermutet erweist sich das nicht als grundsätzlicher Nachteil für Anleger, die auf Nachhaltigkeit setzen, wie der Blick auf mehrere Indizes von MSCI zeigt. Vergleicht man exemplarisch den MSCI World, den Schwellenländer-Index MSCI EM IMI und den MSCI Europe von 2013 bis 2019 jeweils mit zwei ihrer nachhaltigen Varianten – ESG Screened und SRI –, liegen am Ende dieses Zeitraums sogar mehrheitlich die nachhaltigen Indexvarianten vorn. Mal knapp, mal deutlicher. Nur beim MSCI Europe übertrumpft zwar die ESG-Screened-Variante den Standard-Index, während die ebenfalls nachhaltige SRI-Version zurückfällt.

Nachhaltigkeit kein grundsätzlicher Renditenachteil

Wertentwicklung von MSCI World, MSCI World ESG Screened und MSCI World SRI 2013 – 2019*

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Wertentwicklung von MSCI Europe, MSCI Europe ESG Screened und MSCI Europe SRI 2013 – 2019*

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* Indexierte Darstellung: 100 = 31.12.2012. Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen. Hinweis: Weder vergangene Wertentwicklungen noch Prognosen haben eine verlässliche Aussagekraft über zukünftige Wertentwicklungen.

Der Schluss, nachhaltiges Anlegen mit ETFs bringe in den meisten Fällen sogar ein Rendite-Plus, lässt sich aus dem Vergleich allerdings nicht einfach ziehen. Die verfügbaren Datenreihen sind noch recht kurz. Einige nachhaltige Indexvarianten gibt es erst seit wenigen Jahren. Und ob die in unserer Abbildung gezeigte Entwicklung sich gleichermaßen fortsetzt, kann niemand sicher sagen. Zudem: Je nach dem gewählten Betrachtungszeitraum liegt mal der Mutterindex, mal die nachhaltige Tochter leicht in Führung. Das zeigt sich etwa beim Blick auf Renditen einzelner Jahre.

Geringere Drawdowns in Abschwungphasen

Laut einer Untersuchung von BlackRock hatten nachhaltige Indizes zuletzt gerade in Abschwungphasen die Nase vorn. Der Vermögensverwalter verglich die Wertentwicklung von 32 nachhaltigen Indizes mit der ihrer Mutterindizes ab 2015. Ergebnis: Bei der großen Mehrheit fiel der Maximum Drawdown, also der größte zwischenzeitliche Wertverlust, bei Markteinbrüchen geringer aus als bei ihren konventionellen Pendants. Als die Börsenkurse im Zuge der Coronakrise im ersten Quartal 2020 abstürzten, gingen sogar 94 Prozent der nachhaltigen Indizes weniger tief in die Knie als ihre Vergleichsindizes.

Die US-Denkfabrik World Resources Institute (WRI) kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Das WRI hat die Performance der zehn größten nachhaltigen Indexfonds und ETFs auf US-Aktien mit der eines Standard-ETF auf den S&P 500 in der ersten Jahreshälfte verglichen. Neun von zehn erzielten eine höhere Rendite als der S&P-500-ETF, im Schnitt um 2,1 Prozentpunkte.

Zu einem Teil lässt sich das bessere Abschneiden laut dem WRI damit erklären, dass die nachhaltigen ETFs und Indexfonds weniger in Energie- und klassische Industriewerte investieren und stärker in IT-Firmen, deren Kurse während der Coronakrise zum Teil stark gestiegen sind. Auch die Aktiengewichtung innerhalb der Branchen trug zur Outperformance bei.

Metastudie: Nachhaltige Geldanlagen im Vorteil

Auch aus einem Vergleich der Fondsratingagentur Morningstar für die ersten drei Monate dieses Jahres ging die Mehrzahl der nachhaltigen Indexfonds als Gewinner hervor. Zehn der zwölf passiven Fonds auf US-Aktien beispielsweise schnitten besser ab als der Benchmark-ETF auf den gewöhnlichen S&P 500. Während dieser von Januar bis März um 19,6 Prozent an Wert verlor, brachen die ESG-Indexfonds etwas weniger stark ein: im Mittel um 18,5 Prozent.

Zwar beziehen sich die Studien zum Teil nur auf kurze Zeiträume und umfassen jeweils nur eine Auswahl an Indizes, Indexfonds oder speziell ETFs. In der Tendenz gehen ihre Aussagen allerdings in eine ähnliche Richtung wie die Ergebnisse einer Metastudie aus dem Jahr 2015. Die befasst sich zwar nicht speziell mit nachhaltigen ETFs, darin sind allerdings Ergebnisse von mehr als 2.200 Einzelstudien eingeflossen. Befund der Wirtschaftsforscher von der Universität Hamburg und der DWS: 90 Prozent der Studien fanden einen nicht-negativen Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Rendite, die große Mehrheit sogar einen positiven Zusammenhang. Heißt: Nachhaltiges Anlegen kann sich positiv auf den Ertrag auswirken. Zu allzu großen Bedenken, durch nachhaltiges Investieren am Ende weniger Geld im Depot zu haben, geben die bisherigen Erfahrungen keinen Anlass.

Risikohinweis – Die Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden und kann zum Verlust des eingesetzten Vermögens führen. Weder vergangene Wertentwicklungen noch Prognosen haben eine verlässliche Aussagekraft über zukünftige Wertentwicklungen. Wir erbringen keine Anlage-, Rechts- und/oder Steuerberatung. Sollte diese Website Informationen über den Kapitalmarkt, Finanzinstrumente und/oder sonstige für die Kapitalanlage relevante Themen enthalten, so dienen diese Informationen ausschließlich der allgemeinen Erläuterung der von Unternehmen unserer Unternehmensgruppe erbrachten Vermögensverwaltungsdienstleistungen. Bitte lesen Sie auch unsere Risikohinweise und Nutzungsbedingungen.

 

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Nicolas Zeitler
Financial Editor
Nicolas ist Redakteur mit den Themenschwerpunkten Finanzen und Digitales. Zuletzt leitete er die Finanzredaktion beim Vergleichsportal Check24. Erste journalistische Sporen verdiente er sich beim Münchner Merkur. Anschließend arbeitete er für das IT-Wirtschaftsmagazin CIO und die Agenturen Grasundsterne und Fischerappelt. Nicolas hat Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München studiert.